20 % zu viel an Personal oder „Gratulation, sie wurden gekoblmüllert“

Carl Hahn (*1926), deutscher Automobilmanager und von 1982–1992 Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, sagte einmal: „Die Wirtschaftswelt von heute braucht als Manager ,One World‘-Menschen, die nicht mehr nur im eigenen Land zu Hause, sondern in der Lage sind, alle Märkte – und das heißt die Welt – zu verstehen.“ Auf der Suche nach solch einem Weltenversteher stieß ich auf Ing. Mag. Dr. Koblmüller, stellvertretender Generaldirektor des Wiener KAV und damit jene Person, der diese Ausgabe gewidmet ist.

Nach dem Maschinenbaustudium ist er als Konstrukteur für Anlagenbau zuständig, studiert Betriebswirtschaftslehre, wird dann Assistent am Institut für Marketing, Lehrbeauftragter für BWL und Marketing und wechselt 1979 zu Steyr-Daimler-Puch. Als Vorstandsvorsitzender und Tochtercontroller sowie kaufmännischer Leiter von Gesellschaften hält er sich drei Jahre in der Schweiz auf. 1987 wechselt er erneut als kaufmännischer Geschäftsführer zur Böhm GmbH, einer Firma für Tapeten, Stoffe und Teppiche, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Die Projekte werden größer, Koblmüller auch und so findet man ihn von 1991 bis 1997 als Vorstand für Finanzen bei der Ankerbrot AG. Rechtzeitig vor dem großen finanziellen Zusammenbruch lässt er das Spritzgebäck hinter sich und kümmert sich als Geschäftsführer um Spritzgießmaschinen bei der Engel Maschinenbau GmbH. Nach dieser langen beruflichen Reise von der VOEST, über Fahrzeugbau, über Tapeten, Teppiche hin zu Brot und Automatisierungstechnik erscheint ihm im Traum, so munkelt man hinter vorgehaltener Hand, eine Fee in gleißendem Licht. Nun ist er bereit, er möchte Gutes tun, etwas bewirken und all seine bisherigen Erfahrungen bündeln. Er wird Vorstandsmitglied für Finanzen und Technologie in der Oberösterreichischen Gesundheits- und Spitals-AG kurz Gespag genannt.

Widerspruch
Er ist dieser „One-World“-Mensch, er versteht die Welt, er hat den Hebel, der die Dinge bewegt. Aber nicht alles verläuft nach Plan. So wagt es doch tatsächlich ein Chirurgie-Primar des Landeskrankenhauses Vöcklabruck, sich vor die Medien zu stellen. „Der Personalmangel verpfuscht meine Patienten!“, so lautet sein Ausspruch. Einer Patientin wird das Bein amputiert, weil sie nicht rechtzeitig operiert werden kann, ein Mann erleidet nach einem Zwölffingerdarmgeschwür noch eine Bauchfellentzündung (ebenfalls zu spät operiert), bei einer dritten Patientin wird die Operation eines Dickdarmverschlusses um acht Stunden verschoben. Diese Berichte des Primars überraschen Dr. Koblmüller, ja sie kränken ihn sehr. Er habe doch auf medizinische Entscheidungen gar keinen Einfluss! So tritt er vor die Presse, und man sieht ihm den Gram und die Bürde des Amtes an. „Der Primar muss selbst entscheiden, wann operiert wird!“ Er gründet rasch eine Kommission, verlangt Aufklärung, schließt aber personelle Konsequenzen nicht aus – man vermutet, er hätte versteckt dem Primar gedroht. Doch Wien ist anders, denkt er sich. Dort wird nämlich 2008 von einem Beratungsunternehmen ein stellvertretender Generaldirektor für den Krankenanstaltenverbund gesucht. Das Unternehmen erstellt Rechnungen und Hochrechnungen, programmiert, streicht, forscht – doch alle Daten lassen nur einen Schluss zu. Koblmüller ist der Mann der Stunde, dies bestätigt auch der Generaldirektor Dr. Wilhelm Marhold. „Mit dieser personellen Verstärkung im Bereich des Finanzmanagements ist der KAV bestens gerüstet für die großen Herausforderungen der Zukunft, die sich aus der Umsetzung von Spitals- und Geriatriekonzept sowie der Errichtung des Krankenhauses Nord ergeben.“ Über diese Lorbeeren freut er sich sehr, und voll Daten geht er an das neue Werk. Zu Beginn sind seine Ansätze technisch – IT-Lösungen, Medikamenteneinschachtelungsapparat.

Unit-Dose
Doch es geht nichts voran, in diesem Wien. Unit-Dose läuft nicht an, das vermeintliche Wunderwerk widersetzt sich seinem Meister. Küchenkonzepte werden elendslang diskutiert, und dann gibt es noch diese Verhinderer. Nachts liegt er deshalb sehr oft wach, blättert im kleinen Wirtschaftseinmaleins und seufzt. „In Oberösterreich war alles besser!“, so mag man ihn rufen hören. Die Fee erscheint ihm erneut, gleißendes Licht – wieder ist ihm sofort alles klar. Das Personal! Es ist immer das Personal. Verkaufen, verkaufen! Teppiche, Autos, Brot, Spritzgießmaschinen, Personal! Wie pflegte sein Professor Ernest Kulhavy immer zu sagen? „Wofür betreiben wir Marketing? Damit es zum Verkaufsabschluss kommt – dafür wird das ganze Theater gemacht. Das ist eine Kernaussage in meinem System: Alle Marketingmaßnahmen haben letztlich den Zweck, im Verkauf zu münden.“ Marketing braucht einen Slogan, das weiß er. Er stürzt zum Schreibtisch! „Wo ist das Papier?“ – die Hand zittert vor Erregung. Einzigartig muss der Slogan sein, prägend, eine neue Ära einleitend. Dafür war er so weit gereist, hatte er alle fünf bis sieben Jahre seine Zelte abgebrochen, mit Auszeichnung maturiert. „Weg mit dem Speck!“, „Geiz ist geil!“, „S wie S-Budget!“ Alles schon da gewesen. Frust macht sich breit. „Mein Hausverstand sagt mir, weg mit dem Personal!“ „Reiß dich zusammen, Maximilian“! Da, die Hand schreibt von allein, sie fliegt über das Papier und nur wenige Sekunden später steht in krakeliger Schrift „20 Prozent zu viel Personal!“ auf dem Zettel. Voll Freude springt er hoch, dieser Satz ist eines Top-Managers würdig. Nur Aktion bringt Satisfaktion!

Ein Geistesblitz
Doch die Kreativität scheint ihn zu durchströmen, nichts und niemand kann ihn aufhalten. Ein Geistesblitz! Ein Gütesiegel braucht er noch, damit man auf einen Blick die Qualität seines Ansatzes erkennt. Er zeichnet eine kleine Plakette, mit Buntstiften färbt er die Schleifen und mit strahlendem Gelb schreibt er in den Kreis „Gratulation, sie wurden gekoblmüllert!“ Rasch noch eine Mail an seinen MitarbeiterInnenstab verfasst. „Sitzung morgen 8 Hundert– stopp – hatte gute Idee – stopp – neuer Weg – stopp – Danke mir!“ Am nächsten Tag ist der Raum zum Bersten voll, es klingt wie in einem Bienenstock und riecht nach Veränderung. „Wie bei der Mondlandung. Weißt du, wenn man zum ersten Mal bei etwas Einzigartigem dabei ist“, versucht eine Mitarbeiterin ihre Begeisterung in Worte zu fassen. „Wir waren schon am Mond?“ – Da betritt er den Raum, die Atmung setzt im Kollektiv aus. „Ich habe ein Konzept. Einzigartig! Wurde deswegen schon zu Hause gelobt. Mein Slogan lautet – 20 Prozent zu viel Personal! Wir sparen ein, reduzieren, lagern aus, sparen noch einmal, dividieren durch den Faktor x – doch ich weiche ab. Wenn wir eingespart haben, erhält dieser Bereich mein Gütesiegel – ,Gratulation, sie wurden gekoblmüllert!‘ – noch Fragen?“ Eine Nadel fällt zu Boden und durchbricht die Stille. Eine Praktikantin, eingeklemmt zwischen einer Flipchart und einem Ordner mit der Aufschrift „KAVarett!“ zeigt in einem Anflug von Mut auf. „Sie?“ Er weiß nicht, was sie will, wer sie ist, warum sie aufzeigt. „20 Prozent einsparen? Das zerstört doch den Betrieb! Das macht uns doch kaputt! Wir stehen doch jetzt schon jeden Tag in den Medien, wenn der Betrieb nicht läuft! Zu lange Wartezeiten, Gangbetten! Das funktioniert nicht. Wir arbeiten mit Menschen, nicht mit Brot.“

In seinen Ohren beginnt es zu sausen. Diese Unverschämtheit, diese Impertinenz, diese ...! Die Presseaussendung ist doch schon auf dem Weg, alles logisch und greifbar. „Im Vergleich von Benchmarks hat der KAV durch Prozessverbesserungen die Chance, den Personalaufwand um einen bei etwa 20 Prozentpunkten liegenden Wert zu optimieren, ohne dadurch die Qualität oder die hervorragenden Leistungen unserer MitarbeiterInnen zu verändern.“
(Presseaussendung vom 11. Jänner 2011).
Doch jetzt? Wollen sie meutern? Ein Exempel! Er muss jetzt ein Exempel statuieren. „20 Prozent? Was sind schon 20 Prozent? Das habe ich bei Steyr, bei Anker, bei Böhm, bei der Gespag alles schon gehört. Es reicht!“ Er greift in seine Jackentasche und schreit: „Das sind 20 Prozent! Das sind meine 20 Prozent. Gratulation, ich werde gekoblmüllert!“ Da sich die nun folgende Maßnahme des stellvertretenden Generaldirektors nicht in Worten beschreiben lässt, haben wir unten ein Bild zur Dokumentation der Ereignisse bereitgestellt.

Download:

Für Dich 01/2011 (pdf, 9,67Mb)
Plakat Koblmüller (jpg, 2,34Mb)