McKinsey – Beraterfirma, Sekte oder der Leibhaftige im Designeranzug?von Edgar Martin
McKinsey & Company berät derzeit den Wiener Krankenanstaltenverbund. Reformen stehen an – wie immer, wenn VertreterInnen dieser ansonsten in Glastürmen, ihren sogenannten „Headquarters“, sitzenden Unternehmensberatung ihre Ergebnisse präsentieren. Es sind Menschen, die sich zur Elite in dieser Welt zählen, wer hier arbeitet gehört zu den großen GewinnerInnen. „Work hard, party hard“, so lautet das Motto und bei Einstiegsgehältern von mehr als 60.000 Euro lässt sich auch der Umstand verdrängen, dass andere Menschen aufgrund von McKinsey verlieren: ihren Job, ihr Arbeitsumfeld, ihre Sicherheit oder globaler betrachtet ihre ansonsten so geschätzte medizinische Betreuung.
Wer hinter die Fassade des Unternehmens blicken möchte, kann dies dank einer verdeckten Recherche einer 26-jährigen Journalistin, die in der „Zeit online“ veröffentlicht wurde, gerne tun. Einfach nach „McKinsey und ich“ im Internet suchen. Ein Zitat: „Ob er auch Angestellte feuern müsse, frage ich. Ja, das käme vor und sei natürlich nicht schön, antwortet er. Wichtig sei, es gut zu machen. Es gäbe eben Gewinner und Verlierer im Leben, und vor allem Letztere seien resistent gegen Veränderung. Denen müsse man helfen, einzusehen, dass sie am falschen Platz seien. Für viele würde sich das Ausscheiden aus dem aktuellen Job auf lange Sicht auch als positiv erweisen. Ich will wissen, ob die Einteilung in Gewinner und Verlierer nicht deswegen so angenehm sei, weil man selbst zu den Gewinnern gehöre? ‚Provokante Frage‘, er scheint sich darüber zu freuen. Aber was könne er dafür, dass er ein Gewinner sei?“
Weiters schreibt die Journalistin von sektenartigen Zuständen, stets lächelnden, cool wirkenden Menschen, die sich selbst gerne ein „Leadership-Gen“ bescheinigen. In einem Artikel von Mario Kaiser in der Zeitschrift „Der Spiegel 19/2006“ mit dem Titel „Der Medizinmann“ können wir dann einen Blick in die Zukunft werfen. In Deutschland, mit dessen medizinischen Einrichtungen man aktuell den Krankenanstaltenverbund vergleicht, ist die Realität mittlerweile eine an McKinsey angepasste.
Konvergenzverlierer
„Man weiß dann, dass die Krankenhäuser ein Viertel aller Gesundheitskosten verschlingen, mehr als jeder andere Bereich. Man erfährt, dass in manchen Krankenhäusern ein Mitarbeiter 20 Patienten betreut und in anderen 80. Und dass es für die Kliniken, in denen der Wert bei 20 liegt, wenig Hoffnung gibt. Ein Drittel der deutschen Krankenhäuser, prophezeit Salfeld, wird den verschärften Wettbewerb nicht überleben. Er nennt sie ‚Konvergenzverlierer‘.“ Unnötig zu erwähnen, dass es sich bei Salfeld um einen Direktor bei McKinsey handelt. 2006 schätzte er selbst, dass man noch fünf Milliarden aus den Krankenhäusern rausquetschen könnte. Dann wäre alles optimiert. Nur das Bruttosozialprodukt würde nicht steigen und somit hätte auch die Optimierung ihre Grenzen. Selbst er musste, laut diesem Artikel, vor einer Bandscheibenoperation sechs Stunden warten, bevor er einen Arzt zu Gesicht bekam. So sieht es dann aus, wenn einer/eine von McKinsey mit der selbstgeschaffenen Realität konfrontiert wird. Aber dank Gewinner- Bankkonto ist auch das kein Problem.
Wer sich McKinsey uneingeschränkt anschliesst, unterschreibt das Schicksal vieler Menschen und deren Familien. „Ich seh ihm auf die Füße, aber das ist eine Fabel. Wenn du ein Teufel bist, so kann ich dich nicht töten!“, lässt Shakespeare seinen Othello sagen, als er das falsche Spiel des Jago durchschaut. Wer sich mit McKinsey einlässt, möchte zu den GewinnerInnen gehören und wird sich am Ende des Tages bei den Millionen oder Milliarden VerliererInnen einreihen. Ich übertreibe?
Millionenhonorar
Ein Beispiel: Die Kliniken der Vivantes GmbH sollten 2008 laut Sanierungsprogramm ihre Ausgaben jährlich bis 185 Millionen Euro senken. Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey suchte gegen die Bezahlung von mehreren Millionen Euro nach Wegen zur Kürzung dieser 185 Millionen Euro. Elf Einzelprojekte wurden bis Ende 2005 durch McKinsey-Berater begleitet.
Hier die ersten Maßnahmen, die nach der Beratung eingeleitet wurden:
• Das erste Opfer – die Streichung von Weihnachts- und Urlaubsgeld;
• Arbeitsverdichtung durch Stellenabbau von jetzt 10.500 Vollstellen auf geplante 9.050 im Jahr 2008 bei gleicher Zahl an PatientInnen;
• Erhöhte Arbeitsmenge durch erhebliche Personalreduzierung;
• Abbau von 154 Vollstellen im ärztlichen Dienst für das Jahr 2005;
• Abbau von 148 Vollstellen im medizinisch-technischen Dienst (zwölf Prozent der Beschäftigten sind in diesem Bereich betroffen);
• Die befristet Beschäftigten werden keine Verlängerung ihre Arbeitsverträge erhalten;
• Zusammenlegung von Bereitschaftsdiensten (teilweise fachübergreifend), z. B. chirurgischer und gynäkologischer Bereitschaftsdienst statt wie bislang mit je zwei nur noch mit einer Ärztin/ einem Arzt besetzt.
Diese Informationen wurden der Betriebsratszeitung„Atlantis“ der betreffenden Gruppe entnommen.
Gewerkschaft versus Hells Angels
Am 1. November 2011 berichtete die Berliner Zeitung von StreikbrecherInnen an der Berliner Charité. MitarbeiterInnen der Charité-Tochter CFM, die sich zur Hälfte im Landesbesitz befindet, streikten für mehr Geld. Um die Gewerkschaft am Betreten des Gebäudes zu hindern, wurden VertreterInnen der Hells Angels, einer Bikergang mit umfassendem Strafregister, angeheuert, die Plakate zertraten und den Zutritt verwehrten. Wen sonst sucht sich der Leibhaftige als seine eigenen Höllenengel?
Wir werden zusammenrücken müssen. Gott sei Dank haben wir das „Menschlichkeit- Gen“ in uns!
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