WHO: Gesundheitswesen oft ineffizient

Genf/Wien, 22.11.2010

Milliarden Menschen würden von einem besseren Gesundheitswesen profitieren. Doch selbst wenn die Mittel dafür vorhanden sind, werden sie oft ineffizient eingesetzt. Das ist die Grundaussage, des am Montag (22. November) von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichten Weltgesundheitsberichts 2010 zum Thema "Finanzierung der Gesundheitssysteme - Der Weg zu universeller Absicherung".

Zu überlegen wäre aber auch bessere Mittelaufbringung - zum Beispiel via Finanztransaktionssteuern. WHO-Generalsekretärin Margaret Chan in einem Aufruf: "In einer Zeit, in der Geld knapp ist, lautet mein Rat an die Länder: Bevor Sie Möglichkeiten zur Kürzung der Gesundheitsausgaben erwägen, suchen Sie zunächst nach Ansätzen zur Verbesserung der Effizienz. (...) Dieser Bericht kommt zu der Einschätzung, dass gegenwärtig 20 bis 40 Prozent aller Gesundheitsausgaben durch Ineffizienz verloren gehen (...)."

Das Gesundheitswesen - so der Report - ist eine der hauptsächlichen Säulen jedes Staatswesens: "Gesundheitsförderung und -sicherung sind wesentliche Voraussetzungen für menschliche Wohlfahrt und nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung." Daraus folgt, dass Gesundheitsversorgung kein Almosen, sondern ein Anrecht jedes Bürgers ist: "Der UNO-Resolution 58.33 der Weltgesundheitsversammlung 2005 zufolge soll jeder Mensch Zugang zu Gesundheitsleistungen haben und dabei keiner finanziellen Härte ausgesetzt sein. In beiden Punkten ist die Welt noch weit von universeller sozialer Absicherung im Krankheitsfall entfernt."

Ein Beispiel: die Geburtshilfe. "Hinsichtlich des Zugangs zu Gesundheitsleistungen kann beispielsweise der Anteil der von Fachpersonal begleiteten Geburten in einigen Ländern bei lediglich zehn Prozent liegen, während er in Ländern mit der geringsten Müttersterblichkeit nahe bei 100 Prozent ist. (...) Würde man diese Kluft zwischen Arm und Reich in 49 armen Entwicklungsländern schließen, ließe sich bis 2015 das Leben von mehr als 700.000 Frauen retten." Der universelle Zugang zu den üblichen Schutzimpfungen würde mehr als 16 Millionen Leben retten.

Weiters könne sich nur ein geringer Teil der Weltbevölkerung auf soziale Absicherung im Krankheitsfall verlassen: "In afrikanischen Ländern südlich der Sahara sowie im südlichen Asien verfügen nur fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung über eine soziale Sicherung, während dieser Anteil in Ländern mit mittlerem Einkommen zwischen 20 und 60 Prozent liegt."

Mehr Finanzmittel notwendig

Die WHO führt in ihrem Weltgesundheitsbericht 2010 drei Punkte an, die gesichert sein müssten: Die Verfügbarkeit von Ressourcen, um unmittelbaren Zugang zu Gesundheitsleistungen zu gewährleisten, den Wegfall von großer Abhängigkeit von Direktzahlungen im Moment der Inanspruchnahme (von gesundheitsbezogenen Leistungen, Anm.) und Vermeidung von Mittelvergeudung. In den ärmsten Ländern der Erde müssten aber allein zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit von derzeit durchschnittlich 32 US-Dollar (23,4 Euro) auf etwa das Doppelte erhöht werden.

Dazu müsste die Mittelaufbringung für das Gesundheitswesen verbessert werden. Eine Möglichkeit wären Abgaben für Finanztransaktionen, was Schwellenländern bereits helfen könne. Die WHO: "Indien beispielsweise verfügt über einen bedeutenden Devisenmarkt mit einem Tagesumsatz von 34 Milliarden US-Dollar (24,9 Mrd. Euro) Eine Währungstransaktionsabgabe von 0,005 Prozent könnte bei diesem Handelsvolumen jährlich rund 370 Millionen US-Dollar (271 Mio. Euro) einbringen, sofern Indien diesen Weg für gangbar hielte.

Andere Möglichkeiten für die Lukrierung zusätzlicher Mittel wäre die Erhöhung der Steuern auf Tabakwaren und Alkohol. "Eine 50-prozentige Erhöhung der Tabaksteuer würde in 22 Ländern mit geringem Einkommen, für die Daten vorliegen, zusätzliche Mittel von 1,42 Milliarden US-Dollar (1,038 Mrd. Euro) einbringen. Fließe die gesamte Summe in das Gesundheitswesen, würde dies in einigen Ländern eine Erhöhung der staatlichen Gesundheitsausgaben um mehr als 25 und im Extremfall um 50 Prozent ermöglichen. Eine Anhebung der Alkoholsteuer auf 40 Prozent des Einzelhandelspreises würde noch stärker zu Buche schlagen. Nach Schätzungen für zwölf Länder mit geringem Einkommen, für die Daten vorliegen, ginge der Verbrauch um mehr als zehn Prozent zurück, während sich die Steuereinnahmen verdreifachen und auf 38 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben dieser Länder belaufen."

Problematisch wäre schließlich ein hoher Anteil an direkten privaten Zahlungen für Gesundheitsleistungen. Sie wären nämlich - wie die WHO generell feststellt - oft der Grund für Verarmung im Krankheitsfall. Hohe Selbstbehalte würden demnach den Zugang zu Gesundheitsleistungen behindern. Die Organisation: "Erst wenn die Direktzahlungen auf 15 bis 20 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben gesunken sind, geht die Häufigkeit von finanzieller Überforderung und Verarmung auf ein vernachlässigbares Maß zurück."