Für mehr Gesundheit muss sich die Welt ändernWien, 22.02.2011
Für mehr Gesundheit weltweit muss sich auch die Welt ändern. Das System der Förderung der ärmsten Staaten sowie der Schwellenländer kommt dabei genauso in Reformzwang wie die Finanzierung von Hilfsprojekten. Dies erklärten am 22. Februar bei einem Hintergrundgespräch Fachleute aus Anlass eines Symposiums mit dem Titel "Globale Gesundheit im Wandel" in der Wiener Ärztekammer. Ärzte-Standesvertretung, das Aktionsbündnis gegen Aids, World Vision Österreich und die Initiative Public Health luden zu der Veranstaltung. Ilona Kickbusch, Direktorin des Global Health Programms am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf: "Momentan sind wir in einer absolut historischen Phase für globale Gesundheit. (...) Es gibt inzwischen zu viele Akteure. Es gibt zu viel Wettbewerb (unter Hilfsorganisationen, Anm.) bei inzwischen weniger Geld. Internationale Organisationen, wie zum Beispiel der Global Fund (zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, Anm.) gewährleisten das Leben von Einzelnen. Wenn hier Geld nicht hereinkommt, sterben direkt die Leute." Hier sei es höchst an der Zeit, die Finanzierung durch internationale und bindende Verträge langfristig zu garantieren. Ilona Kickbusch: "Hier bekommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine neue Bedeutung, indem sie Abkommen schaffen kann." Großer Fortschritt im vergangenen Jahrzehnt An sich ist die Welt in Sachen Gesundheit im vergangenen Jahrzehnt enorm weiter gekommen. Ein großer Teil dieses Fortschritts hier über internationale Hilfsprojekte. Christoph Benn, Außenbeauftragter des Global Fund: "In den letzten zehn Jahren hat sich etwas Dramatisches ereignet. Da hat die Aids-Bewegung eine ganz besondere Rolle gespielt. Betroffene haben es geschafft, ihr Schicksal auf die Agenda zu bringen." In der Folge hätten sich die Hilfsgelder für Gesundheit in den ärmeren Staaten von fünf Milliarden US-Dollar (3,66 Mrd. Euro) im Jahr 1990 auf 21 Milliarden US-Dollar (15,4 Mrd. Euro) im Jahr 2007 erhöht. Der Global Fund hat seit dem Jahr 2002 rund 30 Milliarden Dollar (22,0 Mrd. Euro) eingeworben, das Jahresbudget beträgt zwischen drei und vier Milliarden Dollar (2,20 bis 2,93 Mrd. Euro). Die faktischen Erfolge, so Benn: "In vielen Staaten Afrikas ist die Sterblichkeit an Malaria um 50 Prozent zurück gegangen. (...) Bei Aids sehen wir auch Erfolge. Hier geht die Zahl der Neuinfektionen und der Sterbefälle zurück." Die Crux dabei, so der Experte: "Wir unterstützen derzeit die Behandlung von drei Millionen Menschen mit antiretroviralen Medikamenten (gegen HIV, Anm.). Wenn da das Geld nicht kommt, beginnen die Menschen binnen einiger Monate zu sterben." Chronische Erkrankungen im Vormarsch So muss eine langfristig gesicherte Finanzierung her. Neben der Bekämpfung einzelner Erkrankungen (z.B. Aids, Malaria, Tbc) muss vermehrt Geld in den Aufbau von nationalen Gesundheitswesen an sich und in die Organisation von Sozialversicherungssystemen gepumpt werden. Stefan Germann (World Vision): "Man weiß, dass die WHO nur 20 Prozent der Gelder hat, um ihr eigentliches Mandat zu erfüllen." 80 Prozent des WHO-Budgets bestehe aus Projektfinanzierungen, die an Bedingungen gebunden seien. In der Finanzierung von Hilfsmaßnahmen wird man allerdings in Zukunft auch zwischen den ärmsten Staaten der Welt, welche faktisch überhaupt keine eigenen Mittel aufbringen können, und den Staaten mit bereits mittlerem Bruttoinlandsprodukt (BIP) unterscheiden müssen. Bei ersteren werde das Gesundheitswesen noch lange auf Finanzen von außen angewiesen sein, bei letzteren müssten Modelle zur Ko-Finanzierung geschaffen werden, erklärten die Experten. In Ländern mit mittlerem BIP sei die Schaffung eines besseren Gesundheitssystems oft eine Frage der Umverteilung von finanziellen Ressourcen. Gefahr durch chronische Erkrankungen Gerade in so großen Staaten wie Indien, China und Brasilien droht laut Global Fund-Vertreter Christoph Benn eine besondere Herausforderung: nicht übertragbare, chronische Erkrankungen wie Diabetes etc. Der Fachmann: "Da stellt sich die Frage, wie die Gesundheitswesen darauf reagieren können." Um Gesundheit und Gesundheitswesen weltweit voran zu bringen, werden jedenfalls auch neue Finanzierungsmodelle notwendig sein. Stefan Germann: "Frankreich hat hier im Rahmen der G8-Staaten eine Tobin-Tax, eine Finanztransaktionssteuer, vorgeschlagen. Europa ist da offen, leider sind die USA noch sehr dagegen." Aber auch internationale Unternehmen, welche einen kleinen Teil ihres Umsatzes mit bestimmten Massenprodukten an Institutionen wie den Global Fund überweisen oder Cent-Beträge pro Handy-Telefonat etc. könnten Mittel langfristig lukrieren helfen. |
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