Gesundheitswirtschaft: Ziel PatientenorientierungWien, 23.02.2011
Planung und Markt sind im Gesundheitswesen keine unüberwindbaren Widersprüche, mehr Ergebnis- und Patientenorientierung hingegen eine entscheidende Frage der Zukunft. Dies erklärten Experten am Beginn des 3. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien. "Wir müssen aufpassen, dass eines nicht geschieht: die Vergesellschaftung der Verluste und die Privatisierung der Gewinne. Aber wirtschaftliches Denken muss noch viel mehr im Gesundheitswesen Eingang finden - weil unwirtschaftliches Arbeiten unethisch ist", sagte Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (S) in ihrer Eröffnungsansprache. Mehrere Experten betonten die mittlerweile enorme Bedeutung des Gesundheitswesens für die Volkswirtschaft Österreichs. "Die Gesundheitswirtschaft sichert mittlerweile jeden achten oder zehnten Arbeitsplatz", so Wilhelm Marhold, Chef des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), in seinem Einleitungsstatement. "Der Gesundheitsmarkt von im Jahr 2005 rund 30,7 Milliarden Euro wird bis 2020 auf 67,8 Milliarden Euro wachsen", prognostizierte Peter Granig, Experte für Innovationsmanagement an der Universität Klagenfurt. 21,3 Milliarden Euro davon entfielen allein auf den medizinischen Fortschritt. Mit der Frage "Planung oder Markt: Erfolgsfaktoren für die Gesundheitswirtschaft" setzten sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion auseinander. Eugen Münch, Aufsichtsratvorsitzender der Rhön Klinikum AG, die in den vergangenen Jahren in Deutschland reihenweise ehemals von der öffentlichen Hand betriebene Spitäler übernommen hat: "Kommt der Patient tatsächlich im System vor? Was passiert 2030, wenn in Österreich 30 Prozent der Menschen vermutlich 60 Prozent ihrer Wünsche im Bereich des Gesundheitswesens haben?" Für Planung, Steuerung - und damit verbundenen Sanktionen sprach sich der Verbandsvorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Hans Jörg Schelling, aus. "Wir verweigern eine gesamtheitliche Planung dadurch, dass wir verschiedene Finanzströme haben", erklärte er. Österreichs Gesundheitswesen zeichne sich durch eine Finanzierung von Institutionen statt durch patientenorientierte Versorgung aus. Bei den von den Bundesländern betriebenen Spitälern stelle sich die Sachlage so dar: "Wenn der Planer von Krankenhäusern gleichzeitig Spieler, Zuschauer und Schiedsrichter ist, tut er sich relativ leicht", so Schelling. Patienten im Mittelpunkt Im Mittelpunkt des Gesundheitswesens müsse einfach der Patient stehen, betonte der Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, Johannes Steinhart. "Wir befinden uns im Bereich der Medizin - und hier muss klar sein, dass es darum geht, wie gut der Grundprozess zwischen Patient, Pflege und Arzt läuft. (...) Die Wirtschaftlichkeit muss der Medizin dienen - und das vermisse ich manchmal in der Diskussion." Mehr Markt im Gesundheitssystem wünschte sich jedenfalls Jörg Debatin, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, vom Fach her Radiologe. "Wir sind in einer besseren Situation als Österreich. Wir haben 40 Jahre experimentiert und haben bemerkt, dass der Plan (DDR, Anm.) dem Markt unterlegen ist. Wir haben gelernt, dass es dort gar keine Gewinne gibt, weil das System so wahnsinnig ineffizient ist." Ausrichtung auf Wirtschaftlichkeit und Qualität könnten nur positiv sein. "Die Finanzierung muss etwas damit zu tun haben, ob Leistung erbracht wird oder nicht." Man hätte Experten aus der Luftfahrtindustrie in die Intensivstationen des Hamburger Klinikums gebracht, um Qualitätsmanagement voran zu treiben, sagte Debatin. Deren Stellungnahme laut dem Mediziner: "Wenn die Luftfahrt so funktionierte wie die Medizin, würde bei uns nach der Wartung jedes dritte Flugzeug herunter fallen." |
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