Großes Krankenhaus, große Leistungen, die dort tagtäglich vollbracht werden - und viele Diskussionen. Diese Faktoren charakterisieren das Wiener AKH mit den Kliniken der MedUni Wien.
In einem Interview mit der APA nahm AKH-Langzeitchef Reinhard Krepler (seit 1989 ärztlicher Direktor) - vom Beruf her Pathologe und Humangenetiker - jetzt Stellung zu den Herausforderungen, denen das größte und international renommierte Krankenhaus Österreichs gegenübersteht. Mit einem Bekenntnis zu absoluter Transparenz.
APA: Das Wiener AKH ist in den vergangenen Monaten immer wieder in den Medien aufgetaucht. Nicht immer im positiven Sinn. Wie steht es um das Krankenhaus?
Krepler: "Das AKH hat eine sehr gute Entwicklung genommen. Gemeinsam mit der MedUni Wien gelingt es uns erfreulicherweise immer wieder, unser Haus im internationalen Gesundheitsnetzwerk erfolgreich zu positionieren. So haben wir z. B. jetzt eine neue Klinische Abteilung für Thoraxchirurgie, bei den Lungentransplantationen sind wir ja weltweit eines der größten Zentren. Wir haben im Jahr 2008 die Einrichtung für Knochenmarktransplantationen auf neue Beine gestellt. Wir haben eine Palliativstation geschaffen, in der Patienten, bei denen keine Heilung mehr möglich ist, in ihrer letzten Lebensphase fachlich und menschlich kompetent betreut werden. Das ist sehr wichtig für ein Krankenhaus, das sich auf die Betreuung Schwerstkranker spezialisiert. Das neue Gebäude für die Kinderchirurgie wird im Herbst 2011 eröffnet werden."
APA: Was prägt die strukturelle Entwicklung des Wiener AKH derzeit?
Krepler: "Das zunehmende Zusammenspiel fächerübergreifend arbeitender Spezialisten. Wir haben nach aktuellem amerikanischen Vorbild ein Comprehensive Cancer Center geschaffen. Für Wien, Niederösterreich und das Burgenland haben wir damit ein völlig neuartiges Expertenzentrum, in dem unsere Fachleute interdisziplinär gemeinsam für die Patienten arbeiten und damit noch umfassender als bisher die Detailaspekte eines komplexen Krankheitsverlaufs erfassen und für eine zielgenaue Therapie aufbereiten können. Es ist unverzichtbar und gerade für das AKH eine enorm wichtige Entwicklung, dass wir uns immer mehr auf die Schwerstkranken bzw. Patienten mit den kompliziertest zu behandelnden Krankheiten konzentrieren. Wir wandeln daher auch immer mehr "normale" Krankenbetten zu Intensivbetten, zu Betten mit Intermediate Care-Ausrüstung und zu Überwachungsbetten um. Unsere Patienten sollen in möglichst kurzer Zeit möglichst intensiv medizinisch versorgt werden."
APA: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Krepler: "An der Universitäts-Kinderklinik sind schon drei Viertel der Betten entweder Intensiv- oder Intermediate Care Betten. Für die ebenso wichtige Patientenversorgung ohne erforderliche Intensivbetreuung stellen wir zweckentsprechend zum größten Teil auf ambulante und tagesklinische Versorgung um. Wir nehmen nur jene Kinder stationär auf, bei denen das aufgrund der Schwere der Erkrankung absolut notwendig ist. Auf der anderen Seite bedingt das aber auch mehr Personalressourcen bzw. einen noch gezielteren Personaleinsatz. Wir haben derzeit im AKH insgesamt eine durchschnittliche Patienten-Aufenthaltsdauer bei stationärer Aufnahme von 5,3 Tagen. Bei meinem Amtsantritt waren es noch rund zehn Tage. Aber auf der anderen Seite liegen früh geborene Babys manchmal monatelang auf der Intensiv-Neonatologie. Deshalb schichten wir auch laufend um und erweitern hier die Kapazitäten."
APA: Wie entwickeln sich die Patientenzahlen? In der österreichischen Gesundheitspolitik wird derzeit intensiv darüber diskutiert, dass zu viele Kranke ins Spital kommen.
Krepler: "Das Wiener AKH hatte im Jahr 1996 rund 65.000 stationäre Patienten. Jetzt haben wir etwa 103.000. Die Zahl der Ambulanzpatienten liegt bei rund 600.000 pro Jahr und damit bei 1,2 Millionen Ambulanzbesuchen. Hier haben sich die Zahlen stabilisiert."
APA: Das AKH hat rund 9.000 Beschäftigte. In den vergangenen Monaten war auch von Personalmangel die Rede. Wie ist hier die Situation?
Krepler: "Wir bauen derzeit eine neue Kinder-Herzchirurgie und erweitern die Neonatologie. Um das bewerkstelligen zu können, müssen wir jetzt qualifiziertes Personal aufnehmen. Wir haben durch die Vergabe von Dienstleistungen und durch Arbeitskräfteüberlassung 46 Stellen frei bekommen, die wir in Pflegestellen umgewandelt haben. Die Stadt Wien hat uns weitere elf Pflegedienstposten bewilligt. Im Hebammenbereich prüft gerade ein externes Unternehmen den Personalbedarf. Wir liegen hier ähnlich wie vergleichbare Einrichtungen. Außerdem wollen wir den Dienstposten einer Oberhebamme schaffen. Insgesamt haben wir bei rund 2.100 Betten rund 9.000 Beschäftigte. Das besonders leistungsstarke Karolinska-Universitätskrankenhaus in Stockholm hat bei 1.680 Betten rund 15.000 Beschäftigte."
APA: Dem Wiener AKH wird immer wieder vorgeworfen, es wäre zu teuer. Stimmt das?
Krepler: "Wir wirtschaften extrem sparsam. Wir erbringen allerdings auch Leistungen, die uns nicht abgegolten werden. Von den rund 1.500 Ärzten sind 800 in Ausbildung. In einem anderen Spital wird ein einfacher chirurgischer Eingriff mit einem Arzt und einer OP-Schwester durchgeführt. Mit dem auszubildenden Arzt und einer auszubildenden Schwester werden daraus zumindest zwei Ärzte und zwei OP-Schwestern. Wir sind stolz darauf und das gehört auch zu unserem Selbstverständnis als Zentralkrankenanstalt, hier Ärzte in höchster Qualität ausbilden zu können. Aber wir bekommen das nicht bezahlt. Auch besonders teure medikamentöse Therapien werden dem AKH im gegenwärtigen Finanzierungssystem nicht entsprechend abgegolten."
APA: Sind es nur die Personalkosten?
Krepler: "Wir stellen immer mehr auf ambulante und tagesklinische Leistungen um. Doch das Krankenhausfinanzierungssystem bildet das nicht ab. Gezählt wird der Patientenstand um Mitternacht. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass medizinische Leistungen im Spital auf jeden Fall teurer als im niedergelassenen Bereich sind. Ein Ambulanzbesuch an der Universitäts-Kinderklinik kostet im Durchschnitt 150 Euro. Dafür gibt es aber auch umfassende Diagnostik, Labor und Behandlung. Aber natürlich sollten medizinische Leistungen dort erbracht werden, wo sie am besten für den Patienten und am günstigsten sind.
APA: Gibt es in der Kooperation mit anderen Institutionen neue Entwicklungen?
Krepler: "Im Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser (KWP) gab es freie Kapazitäten in der Remobilisation. Also kaufen wir diese Leistung zu. Patienten nach Operationen an der Unfallchirurgie oder Orthopädie erhalten dort die so notwendige Remobilisation. Wir arbeiten so immer vernetzter mit niedergelassenen Ärzte und anderen Institutionen."
APA: Das Wiener AKH ist im vergangenen Herbst wegen der Vergabe des Auftrages für Reinigungsarbeiten mit Arbeitskräfteüberlassung in die Medien geraten. Ein Magistratsbeamter wurde nach Vorwürfen suspendiert. Ist an den Vorwürfen etwas dran?
Krepler: "Die grundsätzliche Vorgangsweise war richtig. Hier wurde sehr sorgfältig vorgegangen. Zwei Magistratsbeamte waren mit zwei externen Juristen, einem Arbeitsrechtler und einem Vergabejuristen, tätig. Das Unternehmen, das nicht zum Zug gekommen ist, hätte einen Einspruch beim Vergabekontrollsenat der Stadt Wien aufrechterhalten müssen, wenn es Einwände gegen die Vergabe hat. Das Unternehmen hat das leider nicht getan. Damit ist die Vergabe an das andere Unternehmen gültig geworden. Angesichts des Vorwurfs von Unregelmäßigkeiten wurde die Korruptionsstaatsanwaltschaft zum ehest möglichen Zeitpunkt eingeschaltet, um vor allem die strafrechtliche Relevanz der Gesprächsführung eines Beamten mit dem Geschäftsführer der unterlegenen Firma festzustellen. Dieser Beamte ist suspendiert, seine Vorgangsweise wird auch disziplinarrechtlich untersucht. Der Vorwurf, dass Geld geflossen sei, wurde von niemandem erhoben. Das AKH ist seit Beginn der Vorwürfe zu diesem Vergabeverfahren an größtmöglicher Transparenz interessiert und unterstützt dementsprechend die behördlichen Ermittlungen. Parallel dazu haben wir unsere internen Verfahrensabläufe für Auftragsvergaben reorganisiert, um ähnliche Vorwürfe künftig bestmöglich zu vermeiden. Trotzdem können Fehlhandlungen im Einzelfall seriöserweise nie ganz ausgeschlossen werden."
APA: Kritiker sprachen für das Jahr 2011 von Einsparungen in den Wiener Spitälern. Wie sieht es hier für das AKH aus?
Krepler: "Ein Viertel des Budgets der Gemeinde Wien geht in das Gesundheitswesen, in dem fast die Hälfte der von der Gemeinde Wien Beschäftigten tätig ist. Niemand will, dass eine Finanzsituation wie in Berlin oder in Griechenland entsteht. Seitens des Rechtsträgers wurde uns das Ziel gesetzt, bei steigender Qualität und Quantität eine Kostenstabilisierung zu erreichen. Dieses Ziel ist sehr anspruchsvoll. Im Wesentlichen haben wir für 2011 in etwa die gleichen Mittel wie im Vorjahr bzw. steigen die Zahlen geringfügig. Wir werden unsere Produktivität weiter steigern."
APA: Zum Schluss, ist die Konstruktion am Wiener AKH, wonach der Bund für klinischen Mehraufwand von Universitätskliniken aufkommt und das ärztliche Personal zahlt und die Gemeinde Wien den Rest, eine praktikable Lösung?
Krepler: "Ich war vergangenes Jahr ein Monat lang in den USA und habe mir wirklich namhafte Universitätskliniken angesehen. Dort ist das Modell, dass ein Spitalserhalter und eine MedUni so zusammenarbeiten, das gängige System. Was der sogenannte klinische Mehraufwand wirklich ausmacht, das kann niemand berechnen. Aber die MedUni Wien ist die Stärke des Wiener AKH. Die Basis ist echte Partnerschaft."
(Das Gespräch führte Wolfgang Wagner/APA)