Psychiatrie: Einsparungen behindern Therapie

Wien, 14.03.2011

Wien ist derzeit anlässlich des Europäischen Psychiatriekongresses (12. bis 15. März) und mehr als 4.000 Teilnehmern aus aller Welt das wissenschaftliche Zentrum dieses medizinischen Fachgebietes. Das Motto der Veranstaltung im Austria Center Vienna lautet: "Umsetzung von Wissenschaft in Patientenbetreuung" ("Translating Research into Care"). Doch Innovationen im Bereich der Therapie psychischer Erkrankungen finden in Zeiten der Einsparungen nicht immer ihren Weg zum Patienten, kritisierte aus diesem Anlass der Wiener Experte Siegfried Kasper in einer Aussendung.

Österreich habe mit Julius Wagner-Jauregg, Sigmund Freud, Viktor Frankl, Alfred Adler und anderen historischen Persönlichkeiten große Errungenschaften im Bereich der Psychiatrie verzeichnet und somit wichtige Meilensteine in der Behandlung von psychisch kranken Menschen gelegt. "Umso bedauerlicher zeigt sich das Bild der inadäquaten Versorgung in Österreich in der Indikation, die im Vergleich zu allen anderen Erkrankungen die größte Neuerkrankungsrate aufweist und für enorme individuelle aber auch volkswirtschaftliche Konsequenzen verantwortlich ist", warnte Kasper, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (MedUni Wien/AKH) und lokaler Organisator des Kongresses. Gemeint sei damit vor allem die Betreuung von Patienten mit Depressionen.

Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen ist in Österreich - genau so wie in der EU - im Steigen begriffen. Rund 27 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung sind bzw. waren 2010 von zumindest einer psychischen Erkrankung betroffen. "Ich freue mich besonders, dass der Kongress der EPA (Verband der europäischen Gesellschaften für Psychiatrie, Anm.) in diesem Jahr erstmals Mal in Wien stattfindet. Das zeigt uns, welchen Stellenwert Österreich hier einnimmt. Es gilt diesen hohen Stellenwert auch in Zukunft durch Zugang zu innovativen Therapien sicherzustellen", meinte Kasper.

Die Depression nehme unter den psychischen Erkrankungen eine besonders wichtige Rolle ein. Sie galt 2010 als zweitwichtigste Erkrankungsursache in der EU. "In Österreich leiden rund neun Prozent der Bevölkerung an Depressionen, und die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens mindestens ein Mal an einer Depression zu erkranken, liegt zwischen zwölf und 20 Prozent", so der Experte. Das psychische Gesundheitsniveau und das Wohlbefinden der Bevölkerung werde deshalb im "European Pact for Mental Health and Well-being" (2008) als Schlüsselfaktor für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg in der EU definiert.